Der erste Artikel unseres jungen Fanzines „Szene Berlin“ beschäftigt sich also mit den „Action Days“, den Freiraumtagen, die vom 27.05 bis zum 01.06 gingen.
Kurz will ich mich mit dem Inhaltlichen beschäftigen, um dann einen kurzen Abriss zu liefern, was so gelaufen ist, was hätte besser laufen können und was leider garnicht laufen konnte (im wahrsten Sinne des Wortes).
Worum ging es?
Es ging um „linke Freiräume“, um die Verteidigung der alten, wie dem Hausprojekt in der Rigaer Straße 94 oder dem X-B-Liebig in der – Überraschung – Liebigstraße und um die Erkämpfung von neuen Freiräumen. Wie bei einem Projekt, welches aus den Resten der autonomen Hausbesetzer_innenbewegung hervorgeht, nicht anders zu erwarten ist, waren die Freiraumtage inhaltlich nicht besonders gut aufgestellt. Es gab Workshops, die sich mit Fahrradreparaturen oder „Deutsch als Fremdsprache“ beschäftigten, mit der Perspektive, die der Kampf um sog. Freiräume hat oder auch nicht, wurde sich jedoch nicht beschäftigt. Die Referentin eines Workshops drückte es so aus: „Warum wir hier sind, brauche ich nicht länger zu erklären, Freiräume sind super, deshalb brauchen wir mehr“ (darauf Applaus von den Zuhörer_innen). Nun gut, so fällt es mir zu, kurz zu umreißen, worum es der Freiraumbewegung wohl geht: Innerhalb der kapitalistischen Warengesellschaft „Freiräume“ (irreführendes Wort) zu schaffen, in denen andere, solidarische und kollektive, Formen des Zusammenlebens erprobt und praktiziert werden sollen. „Frei“ sollen diese Räume von Sexismus, Antisemitismus, Rassismus und anderer reaktionärer Ideologie sein. Inwiefern dieser Anspruch eingehalten werden kann, ist schwer zu sagen, die wenigsten von uns verweilen in regelmäßigen Abständen in besetzten Häusern und wenn, dann nur in den öffentlichen Trink- und Party-Etagen.
Auffallend ist jedenfalls, dass der Kampf um sog. Freiräume, die ja nicht frei sind von Arbeitszwang und Warenform, immer etwas defensives hat, egal wie militant er auch immer geführt wird. Die Abschaffung des Kapitalismus wird zwar auch angestrebt, indes sollen sich jedoch „Inseln“ im Kapitalismus erkämpft werden, die oft beklagte Einkapselung und Einigelung ist hier schon angelegt. An sich ist es keine schlechte Sache, es sich im kapitalistischen System so schön zu machen, wie es nur irgendwie geht, um sich die Zeit bis zu seiner Abschaffung etwas zu versüßen. In den (ehemals) besetzten Häusern versumpft der sympathischere Teil der Berliner Autonomenszene allerdings zunehmens. Wie sagte ein Vertreter der Orga-Crew des Anti-Yuppie-Raves so schaurig-schön: „Von Kapitalismuskritik haben wir keine Ahnung und das behaupten wir auch garnicht!“. Soviel dazu also…
Was lief?
Für die Berliner Szene eigentlich eine ganze Menge. Startschuss für die Freiraumtage war eine Hausbesetzung in der Michael-Kirch-Straße, bei welcher anscheinend vieles richtig gemacht wurde. Es fanden sich spontan bis zu 300 Unterstützer_innen ein, die Polizei musste etwas schwereres Gerät auffahren, um die Türen aufzukriegen. Geräumt wurde natürlich trotzdem, getreu der sog. „Berliner Linie“, die darauf abzielt, Besetzungen innerhalb von 24 Stunden schnell und „unbürokratisch“ zu beenden. Hier waren leider auch schon die ersten Festnahmen zu beklagen. Im Grundbuch stand wohl noch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di als Eigentümerin, die den Besetzer_innen als Verhandlungspartnerin wohl ideal erschien. Ver.di hatte aber anscheinend schon verkauft und der/die neue Eigentümer_in machten kein großen Aufheben, stellte Anzeige und stimmte der Räumung zu. Unfreiwillig komisch war indes der Indymedia-Artikel zur Besetzung, der die Aktion mit einem Protest an der verkürzten Kapitalismuskritik Ver.dis rechtfertigen wollte. Wie oben schon angeklungen ist, könnte mit der gleichen Begründung wohl jedes x-b-liebige linke Haus in Berlin neu besetzt werden…
Im Nachtrab der Räumung kam es zu verschiedenen spontanen Versammlungen in Kreuzberg, die allerdings eher kraft- und zahnlos blieben. Dafür brannten in verschiedenen Stadtteilen, wie auch schon im Vorfeld der Kampagne, Luxus-Autos und Müllcontainer und zwar nicht zu knapp. Auch hier kam es wieder zu Festnahmen. Eine der Eingefahrenen wird uns mit ihrem, von der „B.Z.“ verliehenen, Spitznamen „Chaos-Mädchen“ in Erinnerung bleiben.
Am Mittwoch ging es weiter mit „Superduperremmidemmi-Rallye“, der Pressekonferenz der Besetzer_innen vom Dienstag, Angriffen auf Luxus-Lofts und einer Freibier-Trauerfeier vor der ehemaligen Rigaer 84, in welcher am gleichen Tag ein Frühstück stattfand. Hintergrund der Trauerfeier: Das Haus wurde durch einen Brand im letzten Jahr unbewohnbar. Es wurde lange über einen sog. „warmen Abriss“, also einer Brandstiftung durch die Eigentümer_innen spekuliert, auf der Webseite der R84 las ich vor kurzem nun von „Eigenverschulden“. Das legendäre „Kellerloch“, welches nur durch eine Luke in der Straße erreicht werden konnte, wird auf jeden Fall schmerzlich vermisst. Es wurde wegen der angeblichen Baufälligkeit des Hauses zubetoniert. Auch in dieser Nacht gab es wieder spontane Versammlungen, wieder blieb es ruhig.
Am Donnerstag wurde wieder etwas Tempo zugelegt. Eine spontane Critical-Mass-Aktion mit Fahrrädern durch die Stadt und eine Spontandemonstration in der Friedrichsstraße in deren Verlauf es zu Angriffen auf teure Cafes (und wiederrum recht vielen Festnahmen) kam. Auf dem Ticker war noch etwas von einem Angriff auf eine Software-Firma zu lesen. Außerdem Sachbeschädigungen an „Luxus-Cars“ und brennende Müllcontainer.
Am nächsten Tag gab es einen sehr gut besuchten und miserabel gemachten Workshop mit dem Thema „How to squat“, aus dem wirklich kaum neues und nichts nützliches gezogen werden konnte. Im Verlaufe des Workshops machten dann Gerüchte um den angeblichen Suizid eines Aktivisten im Polizeigewahrsam die Runde. 30 Leute, die wenig später gemeinsam zur Gefangenensammelstelle fahren wollten, landeten gemeinsam im überraschend schnell zustandegebrachten Polizeikessel. Wer lesen konnte, war klar im Vorteil, die „Entwarnung“ kam recht schnell. Erhängt hatte sich keiner der bei der Spontandemo vom Donnerstag festgenommenen, was die Sache natürlich keinen Deut besser machte. [Edit]
Außerdem: Lofthaus entglast, „O2-Screen“ eingefärbt und weitere ähnliche Aktionen. Die Polizei probierte eine neue Taktik aus: Kaum rechtsgültige Platzverweise für sehr große, traditionell linke Stadtviertel. Gegen diese Taktik wird sich am nächsten Tag organisiert gewehrt, einige der Einsprüche haben Erfolg. Die Nacht bleibt eher ruhig.
Samstag: Weitere Anschlagserklärungen werden auf dem Ticker veröffentlicht, die Berliner Polizei-Stadt konstituiert sich. Die zweite technische Hundertschaft, Wasserwerfer und anscheinend gute vier Hundertschaften werden in Kreuzberg und Mitte in der Nähe der Köpi stationiert. Am Abend Hoffeste in der Köpi und auf dem Wagenplatz am Rauchhaus. In der Köpi sind tausende Menschen, es ist schwer zu schätzen. Nachdem sich hier im Verlaufe des Abends die Menschen auch auf die Straße setzen und stellen, folgt ein recht brutaler Polizeieinsatz, die Straße wird geräumt, es gibt erste Festnahmen und vereinzelte Flaschenwürfe. Im Verlaufe des Abends kommt es immer wieder zu Angriffen auf die Polizei, kleineren Scharmützeln und massiven Angriffen der Polizei auf die Köpi. Auf Fotos ist deutlich zu sehen: Einsatzkräfte versuchen den Köpi-Hof zu stürmen. Es wird auch massiv Pfefferspray und Tränengas eingesetzt. Die Leute auf dem Köpi-Hof wissen sich allerdings zu verteidigen. Auch an diesem Abend kommt es zu vielen Festnahmen.
Ihren Abschluss finden die Aktionstage in einem „Anti-Yuppie-Rave“, einem fröhlichem Fest der Regression also. Mit guter Laune, guter Musik (Techno und Live-HipHop von Bruder & Kronstätta und Jenz Steiner, dem König vom Prenzlauer Berg) und unheimlich beschissenen Redebeiträgen (zwischendurch merkt der Moderator, was für einen Blödsinn er eigentlich quatscht, rechtfertigt die Personalisierung gesellschaftlicher Entwicklungen dann jedoch wieder schulterzuckend) geht es durch den Prenzlauer Berg. Das Erscheinungsbild der Demonstraton ist eher wenig „klassisch autonom“, einige haben sich verkleidet. Es kommt zu keinen Übergriffen der angekarrten Prügelhundertschaften auf die Demonstrant_innen. Ungefähr 400 Menschen beteiligen sich, es gibt sogar manchmal positives Feedback von Anwohner_innen. Die Yuppies lachen meist über das Motto, sie wissen wahrscheinlich, dass sie gewonnen haben.
Im Gegensatz zu der schrecklichen Squatter_innendemo am 22.05, die als Aktionstage-Warm-Up gesehen werden könnte, die mit 200 Leuten durch Friedrichshain stapfte und immer wieder durch die Polizei angegriffen und durchgeprügelt wurde, konnte diese Demo wenigstens mit einer guten Stimmung und einer netten Atmosphäre aufwarten. Märtyrergeist und Gewaltbereitschaft sind in Zeiten „familiärer“ Demos wohl öfter fehl am Platz als angebracht.
Fazit und Ausblick:
Mit den Freiraumtagen hat die autonome linke Szene in Berlin gleichzeitig Stärke und Schwäche bewiesen. Die zahlreichen militanten Aktionen lassen sich als klare und deutliche Ansage „Wir sind noch da!“ lesen. Potentielle Hauseigentümer_innen und StaatsanwältInnen, die über die Genehmigung von Räumungsgesuchen nachdenken, werden die Ansage verstanden haben. Klandestine Militanz hat in Berlin ja seit der Mobilisierungskampagnen zum G8-Gipfel ein flammendes Revival erlebt.
Schwach zeigten sich Szene und Aktionstage jedoch leider in vielerlei anderer Hinsicht: Es mangelte an Organisation, Öffentlichkeitsarbeit, Inhalten und an aktionsfähigen Strukturen.
Es gab wenig Aktionen, die sich einer interessierten Öffentlichkeit hätten vermitteln lassen, was angesichts der Themen Stadtumstrukturierung und Verdrängung verwundert. Ob es Gespräche mit Mieter_innenorganisationen gab, wissen wir nicht, an Aktionen teilgenommen haben diese jedoch nie. Auch sonst blieb die Szene eher sich selbst treu und machte wenig mit bzw. für andere Leute. Warum wurden nicht zum Beispiel Mieter_inneninitiativen und Vertreter_innen der Squatter_innenbewegung öffentlichkeitswirksam zur gemeinsamen Diskussion eingeladen? Das hätte nicht nur propagandistisch seine Vorteile gehabt: Der Kampf gegen die Stadtumstrukturierung MUSS perspektivisch gesehen mit den „normalen“ Betroffenen geführt werden.
Andererseits waren viele der Aktionen auch eher arschlos, was allerdings anscheinend einer generellen Trägheit der Szene geschuldet ist. Wenn sogar „10 Kästen Freibier!“ auf dem Ticker stehen…
Schließen wir schnell die Kritik ab: Wer wissen wollte, wie Stadtumstrukturierung funktioniert, was linke Freiräume sind, wozu sie nützen und WARUM sie überhaupt in dieser Gesellschaft notwendig erscheinen, der war bei den Aktionstagen an der falschen Adresse. Neue Unterstützer_innen wurden sicherlich kaum bis garnicht gewonnen. Militante Kampagne schön und gut, diese sollte allerdings auch entsprechend begleitet werden – was nicht geschah.
Interessant waren die „Action Days“ auch in anderer Hinsicht. Mensch konnte sich das Mobilisierungspotential der Hausi-Szene angucken und schauen, was für Leute so zu den Aktionen kamen. Die Mobilisierungen waren immer relativ okay, wenn die Leute da waren, dann setzten sie sich jedoch meist auf den Boden und tranken erstmal ein Bier. Von Wechselklamotten, Vermummungsmaterial oder überhaupt angemessener Kleidung für eine laue Sommernacht war bei den wenigsten Anlässen eine Spur. Gerade war die Szenerie eher bedrückend, es gab Menschen, die wirklich etwas hätten machen können. Außerdem war eine Tendenz zur Überalterung festzustellen. Noch besteht die Häuser-Bewegung nicht nur aus Opas und Omas, allerdings wachsen anscheinend in der gesamten Szene wenig junge, aktive Leute nach.
An den „Action Days“ lief für Berlin eine ganze Menge, die Häuser-Szene hat sich wieder ins Bewusstsein der Stadt gebracht. Andererseits lief vieles – aufgrund von organisatorischen Fehlern und inhaltlichen Fehlkonzeptionen – eher lahm ab, das Fehlen einer jungen Aktivist_innengeneration wurde deutlich. Inhaltlich und in den Strukturen muss sich einiges bewegen, aber immerhin: Bewegung kommt ja zunehmend in die Szene. Jetzt heißt es erstmal ausruhen.
Mit solidarischen Grüßen: Das neue Fanzine „Szene.Berlin“
EDIT: Ich habe es irgendwie geschafft, die 10.000 inhaltlich gut gemachten Broschüren zu vergessen, die WBA auch für normale Mieter_innen herausgegeben hat… Sie sind auf jeden Fall ein großer Schritt in die richtige Richtung!